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Konditionelle Anforderungen im Tanzsport

Tanz als Sport

Der Tanzsport hat historisch eine Entwicklung genommen, die ihn immer weiter von der Kunstform weg- und zu einer Sportart hingeführt hat. Als solches haben sich auch immer mehr Menschen mit dem Tanzen als Sport beschäftigt, und Einsichten und Wissen aus der allgemeinen Trainingslehre haben Einzug in das Tanzsporttraining gehalten. Zumindest sollte das so sein, in der Praxis geschieht das nach wie vor viel zu selten.
Die meisten Sportarten beschäftigen sich intensiv mit der Frage, welche konditionellen Fähigkeiten ein Athlet jeweils haben bzw. in weiterer Folge erreichen sollte. Zwar sollte das auch im Tanzsport passieren, die Praxis zeigt aber, dass wenige Paare konditionelle Fähigkeiten überhaupt trainieren – und dass Trainer oft wenig Ahnung davon haben, welche konditionellen Fähigkeiten überhaupt gebraucht werden.

Kondition

Prinzipiell gibt es drei konditionelle Fähigkeiten:
1. Kraft
2. Schnelligkeit
3. Ausdauer

Ausdauer

Alle drei spielen in unterschiedlicher Weise eine Rolle. Über die Grundlagenausdauer und die anaerobe Schwelle habe ich in eigenen Artikeln schon geschrieben.
Auf allgemeinem Niveau ist der Tanz eine Sportart, in der relativ hohe Umfänge trainiert werden, die Anzahl der Trainingsstunden pro Woche ist also hoch. Das hat natürlich damit zu tun, dass das Tanzen körperlich nicht ganz so fordernd ist wie eine klassische Konditionssportart, aber auch damit, dass Tänzer oft einfach ein bisschen verrückt sind.
Hohe Trainingsumfänge bedeuten aber immer, dass eine ebenso gute Grundlagenausdauer nötig ist, um diese Trainingsmengen aushalten zu können. Eine gute Grundlagenausdauer fördert die Regenerationsfähigkeit des Körpers, verlängert aber auch die Konzentrationsfähigkeit und hat zahlreiche positive Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit. Ich tendiere dazu, Paare, die bereits in etwas höheren Leistungsklassen angekommen sind, zweimal pro Woche etwa eine Stunde laufen zu lassen. Lieber ist es mir aber, wenn sie einen großen Teil ihrer Wege auf dem Fahrrad zurücklegen, denn das gibt einen zusätzlichen Trainingsreiz, ohne eine eigene Einheit dafür zu brauchen.
Das Tanzen selbst ist eine klassische Intervallbelastung mit Belastungszeiten im Bereich zwischen etwa 80 und 110 Sekunden. Die Pausen können dabei extrem unterschiedlich sein und zwischen gerade einmal 20 Sekunden und über einer Stunde liegen. Um zwischen den Intervallen eine möglichst gute Regeneration zu gewährleisten, ist eine gute Grundlagenausdauer nötig. Aber auch 90 Sekunden eine Turnierleistung ohne Leistungseinbußen abrufen zu können, verlangt eine gewisse Ausdauer – vor allem im Bereich der anaeroben Schwelle, weswegen ich gerne entsprechende Trainingseinheiten einführe.
Zum Drüberstreuen kann man in der Vorbereitungsphase – weit weg von Turnieren – gerne auch ein intensiveres Intervalltraining durchführen, das gezielt die anaerobe Ausdauer trainiert. Da solche Einheiten aber sehr fordernd sind, würde ich sie eher sparsam einsetzen.

Schnelligkeit

Die Schnelligkeit als konditionelle Fähigkeit spielt im Tanzsport nur eine untergeordnete Rolle. Die zyklische Schnelligkeit spielt gar keine Rolle, da es nie um eine möglichst schnelle zyklische Bewegung geht – deren Schnelligkeit wird immer von der Musik vorgegeben. Reaktionsschnelligkeit spielt auch kaum eine Rolle, weil nur selten möglichst schnell auf einen neuen Reiz reagiert werden muss. Musik ist im Wesentlichen vorhersehbar, und Reaktionen auf die Umwelt (wie andere Paare) ist eher eine Frage der Technik und der Fähigkeit, richtige Entscheidungen zu treffen. Azyklische Schnelligkeit wiederum korreliert so stark mit der Kraft, dass ich dazu tendiere, überhaupt kein gezieltes Schnelligkeitstraining zu machen, wenn nicht individuelle Schwächen in diesem Bereich vorliegen.

Kraft

Der dritte Bereich der Kondition ist die Kraft, und Kraft wird typischerweise am wenigsten trainiert – nämlich oft gar nicht. Dabei geht es für einen Tänzer fast nie um ein Hypertrophie-(=Muskelaufbau-)Training, sondern eher um Schnellkraft und vor allem Kraftausdauer. Und selbst in diesen beiden Bereichen kann ein deutlicher Schwerpunkt gelegt werden auf das Körperzentrum und die Füße.
Füße sind die einzige Verbindung des Körpers zum Boden, und sämtliche Kraftübertragung auf den Boden funktioniert über die Füße. Egal, wie stark die Oberschenkelmuskulatur ausgeprägt ist – wenn die Füße diese Kraft nicht auf den Boden bringen können, dann verpufft diese Kraft wirkungslos. Ich bin deswegen ein großer Anhänger davon, viel Fußgymnastik zu machen. Fußgymnastik hat außerdem den großen Vorteil, dass sie eine eher wenig anstrengende Trainingsform sind und deswegen schon als Teil des Aufwärmtrainings eingebaut werden kann. Außerdem ist Fußgymnastik eher ein Koordinations- als ein Krafttraining und behindert ein direkt darauf folgendes Tanztraining nicht. Im Gegenteil, sie kann sogar koordinative Vorteile bringen.

Eine Form des Trainings, der ich jedoch immer einen hohen Stellenwert einräume, ist das Rumpfkrafttraining, oder besser noch: das Rumpfkraftausdauertraining.
Eine grundlegende Fähigkeit eines jeden Tänzers muss es sein, seinen Rumpf in Kontrolle halten zu können, unabhängig davon, was die Extremitäten tun, und das über den Zeitraum von mehr als eineinhalb Minuten, und das wiederum oft hintereinander. Bei immer schneller werdenden Bewegungen der Extremitäten ist auch eine immer größere Kraftanstrengung nötig, die entsprechende Gegenkraft im Körper zu neutralisieren.
Im Ballett beschäftigt man sich ausgiebig mit dieser Kontrolle des Körpers. Genügend Übungen an der Stange beschäftigen sich damit, Beine zu heben und zu führen, während das Hauptaugenmerk auf den Rumpf gerichtet bleibt, der aufrecht und kontrolliert sein soll, ohne der Bewegung des Beines nachzugeben. Das Gleiche trifft natürlich auch auf Armbewegungen zu. Da Arme aber erheblich weniger Gewicht haben, sind Beinbewegungen hier oft kritischer.
Gerade in Standard ist die Wichtigkeit dieser Stabilität auch unmittelbar einleuchtend, denn über einen stabilen Rumpf passen Herr und Dame zusammen. Verliert ein Partner die Kontrolle über diesen Bereich, geht unmittelbar auch der Kontakt zum Partner verloren bzw. wird geschwächt. Doch auch in Latein ist diese Argumentation einleuchtend: Führungsimpulse, sowohl für den eigenen Körper als auch für den Partner, sollen immer im eigenen Körperzentrum starten und dann in die Extremitäten auslaufen. Kann der Rumpf (also der Bereich, in dem unser Körperzentrum liegt) nicht stabil gehalten werden, dann gibt es auch keine stabile Führung der eigenen Arme und Beine, aber auch keine stabile Kommunikation innerhalb des Paares.
Tatsächlich ist es die fehlende Rumpfkraft(ausdauer), die schon auf den ersten Blick vielen Paaren zum Verhängnis wird. Dieser Bereich des Trainings sollte auf keinen Fall unterschätzt oder vernachlässigt werden. Ich tendiere dazu, dieses Training zwei- oder sogar dreimal pro Woche durchzuführen. Ein kürzeres Rumpfkrafttraining ist sogar gut als Aufwärmeinheit für ein Tanztraining geeignet, und ein intermittierendes Rumpfkrafttraining kann in sehr kurzer Zeit (45 Minuten) schon extrem wirkungsvoll sein.

Fazit

Konditionelle Fähigkeiten sollten im Tanzsport auf keinen Fall vernachlässigt werden. Dabei ist es jedoch wichtig, die richtigen Bereiche zu trainieren, denn das Tanzen stellt sehr spezifische konditionelle Anforderungen. Mit einer guten Grundlagenausdauer, einem gut trainierten Rumpfkorsett sowie starken Füßen ist man jedoch schon auf einem guten Weg und hat einen großen Teil bereits abgedeckt. Alle anderen Bereiche des Konditionstrainings können dann als spezielle Reize gezielt eingestreut werden.

 

Bildcredit: pixabay.com

Published inTanzsport

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