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Das Wertungssystem 2.0 und die Auswirkung auf das Training

Die WDSF war in den letzten Jahren stark bemüht, ein neues Wertungssystem einzuführen, das das bisherige Majoritätssystem ablösen soll. Diese Bemühungen gehen stark auf die Zielsetzung zurück, den Tanzsport olympisch zu machen, denn das subjektive und relative Bewertungssystem war dem IOC ein Dorn im Auge.

Das neue System wurde mittlerweile schon in zahlreichen Turnieren ausprobiert, und die Verantwortlichen scheinen zufrieden damit, denn die konkreten Turnierergebnisse scheinen sich nicht oder nur geringfügig geändert zu haben. (Obwohl sich dann natürlich die Frage stellt, ob ein anderes System überhaupt nötig wäre.)

 

Interessant ist das neue System aber vor allem in einer Hinsicht: Plötzlich können Paare auch genau wissen, welche Aspekte bewertet werden, und in welcher Gewichtung.

 

Es mag überraschend sein, dass das bisher nicht so war, aber tatsächlich ist das alte Wertungssystem (vor allem hier in Österreich) eine seltsame Mixtur, die in der Praxis so überhaupt nicht umgesetzt wurde. Dabei waren die Wertungskriterien in einer fixen Priorität festgelegt, und die Anweisung an die Wertungsrichter war (und ist genau genommen auch noch), Paare in dieser Priorität zu vergleichen. So entsteht ein deutliches Übergewicht in der Musikalität, im künstlerischen Ausdruck hingegen sollte fast kein Vergleich mehr stattfinden, da die Entscheidung so weit unten in der Prioritätsliste eigentlich schon gefallen sein sollte. Man braucht sich jedoch nur ein Turnier ansehen um zu erkennen, dass in der Praxis einfach nicht so gewertet wird. Wie wird also gewertet? Was wird angeschaut? Genau diese Frage war für ein Tanzpaar bisher eigentlich schwer zu beantworten.

 

Das hat sich geändert. Wertungsrichter werden in das neue Wertungssystem eingeschult und haben nun im Hinterkopf, was gewertet wird und in welcher Gewichtung das passiert. Und auch, wenn dieses Wertungssystem bisher nur bei internationalen Turnieren offiziell eingeführt wurde, färbt es natürlich auch auf nationale ab.

Jetzt gibt es genau vier Wertungskriterien, alle mit genau derselben Gewichtung: Technichal Quality (TQ), Movement to Music (MM), Partnering Skills (PS) und Choreography and Presentation (CP). Und plötzlich haben Tanzpaare ein Werkzeug in die Hand gedrückt bekommen, gezielt das zu trainieren, was auch bewertet werden soll.

Zum Beispiel kann nun im Trainingsplan stehen, dass man sich in einer Trainingseinheit mit MM beschäftigen soll. Es ist einfach zu sehen, ob man wohl in allen vier Bereichen ähnlich viel Trainingszeit aufgewendet hat. Hat ein Paar eine individuelle Schwäche oder Stärke in einem dieser Bereiche, dann kann man die Gewichtung im Training auch individuell daran anpassen. Dieses neue Werkzeug nicht zu verwenden wäre extrem schade.

Auf die einzelnen Kriterien und deren Stellung im Tanztraining und im Trainingsplan stelle ich in eigenen Beiträgen vor.

 

Natürlich dreht sich nicht alles nur um diese vier Kategorien. Auch Tanztraining abseits davon ist wichtig, zum Beispiel Pracice und Basics (die ich ganz gern extra bezeichne). Dennoch kann ein normalerweise eher unstrukturiertes Training sehr einfach strukturiert werden, und die Stärke genau dieser Strukturierungsform im Gegensatz zu allen anderen ist, dass sie ihren Hintergrund direkt im Bewertungssystem hat, also genau in der eigentlich bewerteten Zielleistung!

 

Ob das neue System aus der Perspektive eines Wertungsrichters oder eines Zusehers eher Vorteile oder eher Nachteile bringt, steht auf einem ganz anderen Blatt und will ich hier auch gar nicht beantworten. Ein Tanzpaar hat dadurch aber ein zusätzliches Werkzeug bekommen, eine Art Roten Faden, an dem es sein Training ausrichten kann. Allein deswegen zahlt sich das neue System schon aus. Die Aufgabe für Trainer und Paare ist es nun, diesen Roten Faden auch im alltäglichen Training als Werkzeug zu nutzen.

 

Fotocredit: Mark Turner under Creative Commons Licence, picture not changed

Published inTanzsport

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